Alkoholkonsum
Prävalenz
Betrachtet man die Frauen im gebärfähigen Alter in der Schweiz, so ergibt sich folgendes Bild:
Die Gesundheitsbefragung 2022 zeigt, dass fast die Hälfte der 25- bis 44-Jährigen regelmässig (d.h. mindestens einmal pro Woche) Alkohol trinkt[3]. Auch punktueller Risikokonsum (mehr als vier Standardgetränke pro Gelegenheit) kommt relativ häufig vor, besonders in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen, in der fast ein Viertel der Frauen einmal im Monat oder häufiger viel Alkohol auf einmal trinkt[4].
Die von Sucht Schweiz durchgeführte Umfrage1 liefert Daten zum Konsum schwangerer Frauen. Diese Ergebnisse lassen vier unterschiedliche Profile erkennen: Frauen, die vor und während der Schwangerschaft völlig abstinent waren (22%), Frauen, die den Konsum vor der Empfängnis eingestellt hatten (29%), eine Mehrheit, die vor Bekanntwerden der Schwangerschaft konsumiert hatte, aber sofort nach der Feststellung damit aufgehört hatte (43%), und schliesslich eine Minderheit (6 %), die den Konsum auch nach Bestätigung der Schwangerschaft fortsetzte.
(Grafik)
Die erste Gruppe (22%) umfasst überwiegend Frauen ab 40 Jahren oder Frauen, deren Schwangerschaft bereits in der zweiten Woche bestätigt wurde. Darunter finden sich auch mehr im Ausland geborene Frauen und Frauen, deren Umfeld den Alkoholkonsum missbilligt.
Die zweite Gruppe umfasst Frauen, die vor der Schwangerschaft Alkohol konsumiert hatten, aber vor der Empfängnis damit aufgehört haben. Sie zeichnen sich durch ein hohes Niveau an allgemeiner und digitaler Gesundheitskompetenz, eine starke Tendenz, Bücher und wissenschaftliche Quellen zu konsultieren, sowie durch einen höheren Anteil geplanter Erstschwangerschaften aus. Zudem sind sie unter den Frauen im Alter von 35 bis 39 Jahren leicht überrepräsentiert.
Die dritte Gruppe (43% der Teilnehmerinnen) umfasst Frauen, die nach der Empfängnis noch Alkohol konsumiert hatten, aber ab der Bestätigung der Schwangerschaft aufgehört haben. Sie besteht hauptsächlich aus jungen Frauen aus der Romandie mit hohem Bildungsniveau und umfasst einen erheblichen Anteil ungeplanter Schwangerschaften. Diese Teilnehmerinnen reduzierten ihren Konsum nach der Empfängnis, und mehr als die Hälfte stellte den gelegentlichen risikoreichen Konsum (vier Gläser oder mehr zu einer Gelegenheit) ein. Sie scheinen sich bewusst zu sein, dass Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ein Risikofaktor sein kann.
Die letzte Gruppe (6% der Teilnehmerinnen) umfasst Frauen, die auch nach der Bestätigung ihrer Schwangerschaft Alkohol konsumiert haben. Sie haben in der Regel ein niedrigeres Bildungsniveau und eine geringere digitale Gesundheitskompetenz, was ihren Zugang zu verlässlichen Informationen einschränken kann. Sie verlassen sich stark auf ihr Umfeld, welches dem Alkoholkonsum oft positiv gegenübersteht, und weisen eine hohe Rate an falschen Annahmen über die mit Alkohol verbundenen Risiken auf. Zudem haben einige von ihnen angegeben – vereinfacht gesagt – getrunken zu haben, um ihre Schwangerschaft zu verbergen. Schliesslich neigen sie ebenfalls dazu zu denken, dass andere Risikofaktoren wie Rauchen oder Stress schädlicher sind als Alkohol.
Weitere Informationen und Einzelheiten zur Studie über Alkoholkonsum während der Schwangerschaft können hier gefunden werden.
Auswirkungen des Alkoholkonsums
- Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist eine der wichtigsten vermeidbaren Ursachen für Geburtsfehler und Entwicklungsstörungen[5,6].
- Informationen dazu, wie sich Alkohol auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes auswirkt, finden sich zum Beispiel unter der Rubrik «Informationen über FASD » oder auf der Website von Praxis Suchtmedizin.
- Die pränatale Alkoholexposition ist mit einer Vielzahl von Risiken verbunden. Es handelt sich dabei um ein Spektrum von Störungen nach fetaler Alkoholexposition (Englisch: Fetal Alcohol Spectrum Disorder, FASD). Dazu zählt auch das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), die gravierendste Form von FASD.
- Eine Diagnose des FAS wird gestellt, wenn Gesichtsanomalien, Wachstumsstörungen und eine Schädigung oder Funktionsstörung des Zentral-Nervensystems vorliegen.
- Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1 und 4 % aller Neugeborenen in Europa von FASD betroffen sind. In der Schweiz entspricht dies mindestens 1’700 Kindern pro Jahr (wobei manche Schätzungen von bis zu 4’000 ausgehen), von denen 170 bis 400 Kinder eine schwere Form (also FAS) aufweisen[7].
Gut zu wissen
Bei jüngeren Frauen ist es wichtig, Informationen und Empfehlungen bereits vor der Schwangerschaft zu vermitteln, da ungeplante Schwangerschaften hier häufiger vorkommen. In jedem Fall wird empfohlen, bei Verdacht auf eine Schwangerschaft – beispielsweise bei Ausbleiben der Menstruation oder körperlichen Veränderungen – den Konsum von Alkohol oder anderen psychoaktiven Substanzen einzustellen, bis das Ergebnis eines Schwangerschaftstests vorliegt.
In den meisten Leitlinien für Gesundheitsfachkräfte wird empfohlen, Frauen im gebärfähigen Alter systematisch und so früh wie möglich aufzuklären, wobei Informationen zur Gesundheitsförderung mit Informationen über Alkohol, Tabak und gegebenenfalls andere psychoaktive Substanzen kombiniert werden sollten
Wenn ein problematischer Konsum besteht, sollte auf mögliche Unterstützungsangebote hingewiesen werden und es sollten – solange der Konsum nicht reduziert wird – sichere Verhütungsmethoden empfohlen werden.
Wenn ein problematischer Alkoholkonsum nicht vor der Empfängnis festgestellt werden konnte, resp. wenn er weiter besteht, liegt das Hauptziel darin, die Frau darin zu unterstützen, ihren Alkoholkonsum zu verringern oder ganz darauf zu verzichten.
Tabakkonsum
Prävalenz
In der Schweiz rauchen etwa 20% der Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren[8]. Von den schwangeren Frauen rauchten 6,8% und fast eine von zehn Frauen, die rauchten, hört während der Schwangerschaft damit auf. Insgesamt sind es eher die etwas älteren Frauen, die mit dem Rauchen aufhörten, als sie erfuhren, dass sie schwanger waren. Vielleicht liegt es daran, dass es für sie schwieriger ist, überhaupt schwanger zu werden, und dass sie sich den Risiken vielleicht besser bewusst sind[9].
Auswirkungen auf das Kind
Der Konsum von Tabak- und/oder Nikotinprodukten während der Schwangerschaft erhöht das Risiko für Frühgeburten, ein niedriges Geburtsgewicht und den plötzlichen Kindstod sowie für Wachstumsverzögerungen [10].
Gut zu wissen
Alle Frauen, die rauchen, sollten Unterstützung beim Rauchstopp erhalten. Besondere Aufmerksamkeit sollte jungen Frauen (zwischen 18 und 28 Jahren) gelten, da sie eher dazu neigen, ihren Konsum während der Schwangerschaft nicht anzupassen und weiter zu rauchen. Nicht vergessen darf man Frauen, die den Rauchausstieg geschafft haben, da sie möglicherweise Unterstützung benötigen, um Rückfälle zu vermeiden.
Empfohlen wird ein vollständiger Rauchstopp einschliesslich aller Arten von E-Zigaretten und anderen Arten von Tabak, da diese Produkte Substanzen wie Nikotin oder andere giftige Inhaltsstoffe wie Aerosole enthalten können. Eine wichtige Botschaft, die es zu vermitteln gilt: «Als Gesundheitsfachpersonen empfehlen wir schwangeren Frauen, mit dem Rauchen gänzlich aufzuhören. Wir unterstützen die zukünftigen Eltern dabei.»
Auch die Partner und Partnerinnen sollten sich auch über die Risiken des Passivrauchens und die Möglichkeiten, sich davor zu schützen, informieren. Wenn sie mit gutem Beispiel vorangehen, können sie ihre Partnerin bei ihren Bemühungen, mit dem Rauchen aufzuhören, wirksam unterstützen.
Illegale psychoaktive Substanzen
Prävalenz
Gemäss der schweizerischen Gesundheitsumfrage von 2022 konsumieren 1.2% aller Frauen illegale psychoaktive Substanzen (ohne Cannabis)[11] im Verlauf der letzten 12 Monate, und 5.4% Cannabis[12]. Allerdings ist dieser Anteil bei jungen Menschen höher. So hatten unter den Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren 15% in diesem Zeitraum Cannabis konsumiert. Es liegen keine Zahlen zum Konsum illegaler psychoaktive Substanzen während der Schwangerschaft vor.
Auswirkungen auf das Neugeborene
Der Konsum von illegalen psychoaktiven Substanzen kann zu einer Wachstumsstörung des Fötus führen, die sich durch ein geringes Geburtsgewicht, einer geringeren Körpergrösse und einem kleinen Kopfumfang äussert. Medizinische Komplikationen wie Frühgeburt (frühzeitiges Einsetzen der Wehen bei beispielsweise Heroin oder Amphetaminkonsum) und Infektionen treten häufig auf.
Der Konsum von Cannabis kann die Fruchtbarkeit von Frauen, aber auch von Männern verringern. Bei einer Schwangerschaft gelangt THC über die Plazenta direkt durch den Blutkreislauf zum Fötus. Beim Stillen können einige Cannabinoide in die Muttermilch übergehen. Studien deuten darauf hin, dass der Konsum negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung des Kindes hat und zu langfristigen neuronalen und kognitiven Entwicklungsstörungen führt, wie Aufmerksamkeitsdefizite, aggressives Verhalten, Impulsivität, Gedächtnisprobleme sowie Symptome von Depressionen und Angstzuständen[13]. Zudem wurde ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten und ein niedriges Geburtsgewicht festgestellt[14].
Bei Kokainkonsum kann die Verengung der Blutgefässe zu einer Unterversorgung des Fötus mit Sauerstoff und Nährstoffen führen. Dies kann schwere Missbildungen und geistige Beeinträchtigungen bei Neugeborenen sowie Früh- oder Fehlgeburten oder Blutungen bei der Mutter zur Folge haben.
Der Konsum von Methamphetamin während der Schwangerschaft setzt das Kind dem Risiko von Geburtsfehlern, einer verzögerten körperlichen Entwicklung (niedriges Geburtsgewicht und geringe Körpergröße) sowie langfristigen neurokognitiven oder Verhaltensstörungen aus, wie zum Beispiel: Entwicklungsverzögerungen, Depressionen oder Angstzustände, aggressives Verhalten oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)[15].
Heroin wird über die Plazenta direkt in den Blutkreislauf des ungeborenen Kinde aufgenommen und kann Schädigungen des Gehirns, Atemprobleme und Wachstumsverzögerung hervorrufen. Heroinkonsumierende Frauen erkennen die Anzeichen einer Schwangerschaft oft sehr spät, da sie Übelkeit und Erbrechen für Entzugssymptome halten und die Monatsblutung bei ihnen auch ohne Schwangerschaft häufig ausbleibt.
Babys von Frauen mit chronischem Opioid-Konsum zeigen häufig das neonatale Entzugssyndrom. Auch Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Alkohol und Tabak können dieses verursachen.
Gut zu wissen
Unerwünschte Wirkungen im Zusammenhang mit der pränatalen psychoaktiven Substanzen Exposition können auch mit anderen Faktoren zusammenhängen, wie z. B. dem sozioökonomischen Hintergrund, negativen Umwelteinflüssen oder unzureichender pränataler Versorgung. Zu den Herausforderungen für Fachpersonen zählen der Aufbau einer vertrauensvollen, nicht wertenden Beziehung und die Bereitschaft zur Flexibilität in Anbetracht der oft schwierigen Situation der Frauen, z. B. bei verspäteten oder versäumten Terminen. Es müssen Schritte unternommen werden, um verstärkt multidisziplinäre Unterstützung und Psychoedukation anzubieten (Informationen zu Auswirkungen von Substanzen auf Embryo und Fötus, Fragen zur Verhütung etc.).
Eine schwangere Frau, die solche Substanzen konsumiert, muss so schnell wie möglich an eine spezialisierte gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung (in der Regel in Kantons- und Universitätsspitälern) überwiesen werden, um dort untersucht und beraten zu werden (Anpassung der medikamentösen Behandlung, teilweiser Entzug, Substitutionsbehandlung, Entlastung bei sozialen Problemen).
[10] WHO recommendations on prevention and management of tobacco use and second-hand smoke exposure in pregnancy : The short version. (2014).
[14] Badowski, S., & Smith, G. (2020). Cannabis use during pregnancy and postpartum. Canadian Family Physician, 66(2), 98-103. 66.2, 98‑103.